Review: Lost Sphear

Was passiert, wenn die Welt nach und nach verloren geht?

Tokyo RPG Factory überraschte mich letztes Jahr mit der Ankündigung von Lost Sphear. Nachdem ich mich bereits in das erste Spiel des kleinen Studios, I Am Setsuna, verliebt habe, war ich natürlich sehr gespannt auf den nächsten Titel. Mir gefiel schon immer diese kleine Reise in die eigene Kindheit bzw. Vergangenheit. Ich bin mit japanischen Rollenspielen aufgewachsen und liebe dementsprechend solche Konzepte, die das Wiederaufleben des alten Charmes beabsichtigen. Das Spiel wurde auf der Nintendo Switch getestet.

Die Geschichte beginnt im Dorf Elgarth, in dem unsere Protagonisten Kanata, Lumina und Locke leben. Es hätte ein Tag wie jeder andere werden sollen, jedoch verschwindet das Dorf in einem weißen Nebel und gilt nun als „verloren“. Es dauert nicht lange, bis Kanata erfährt, dass das „Verlorensein“ ein anwachsendes Problem auf der ganzen Welt ist und keiner weiß, wie man den weißen Dunst des Verlorenseins aufhalten kann. Recht früh findet Kanata heraus, dass er die Fähigkeit besitzt, verlorene Dinge mithilfe von Erinnerungen wiederherzustellen. Unsere Protagonisten treten nun eine Reise an, die die Welt davor bewahren soll, sich selbst zu verlieren.

Die Geschichte wirkte auf mich von Anfang an sehr interessant. Das Verlorensein warf so viele Fragen bei mir auf und wirkte auf mich so bizarr, sodass ich es kaum abwarten konnte, mehr von der Geschichte und der Welt, in der sie spielt, zu erfahren. An einigen Stellen wirkte das Spiel etwas zäh, doch überwiegend konnte es mich gut am Ball halten. Denn mit jeder Antwort kamen auch neue Fragen. Während ich also die Welt bereiste, mit dem Ziel, verlorene Dinge zurückzubringen, lernte ich immer mehr über die Charaktere und dem Mysterium des weißen Nebels. Einige Dingen waren vorhersehbare, andere überraschten mich gänzlich. Insgesamt kann ich aber sagen, dass mir diese, doch eher unübliche, Geschichte sehr gut gefiel.

Die Charaktere wirken zunächst sehr blass auf den Spieler. Man kann so ziemlich alle Klischees des Genres in den Charakteren wiederfinden. Doch mit der Zeit lernt man diese immer besser kennen und merkt: Ja, es sind Klischees, ABER sie sind sehr gut umgesetzt. Kanata, der Held, ist ein hoffnungsloser Optimist, der die Gruppe stets zu motivieren versucht. Lumina ist eine ambitionierte Draufgängerin. Locke denkt eher an das Vergnügen und sein Hunger bringt ihn auch gelegentlich vom Weg ab. Und auch die anderen Charaktere, die im Laufe der Geschichte zustoßen, haben Eigenarten, die man so bereits kennt. Diese Klischees wurden so charmant in die Charaktere eingearbeitet, dass man oft in sich hineinlächelt, wenn man den Dialogen folgt.

Neben der Hauptgeschichte gibt es leider wenig zutun. Das Spiel bietet so gut wie kaum Nebenquests. Erst kurz vor dem Ende schaltet man ein zusätzlichen Dungeon sowie optionale Charakterquests frei. Die Quests der Charaktere lohnen sich aber sehr, da man dort deutlich mehr über die Vergangenheit der Charaktere erfährt. Das Spiel bietet bis kurz vor Schluss zwar knappe 50 Spielstunden, aber die ein oder andere Nebenquest hätte dem Spielverlauf nicht schaden können.

Zumindest bietet das Spiel kleinere Features, wie z.B. das Angeln und Kochen. Das Angeln hat aber leider kaum nutzen, außer man sucht einen bestimmten Fisch für ein Gericht. Das Kochen aber hat durchaus seine Berechtigung. In allen Gaststätten der Welt kann man sich vom Wirt etwas kochen lassen, insofern man die entsprechenden Zutaten hat. Die Effekte der Gerichte verstärken die Gruppe oder erhöhen die Belohnungen.

Das Kampfsystem ist dem von I Am Setsuna sehr ähnlich. Lost Sphear hat aber an dieser Stelle aus seinen alten Fehlern gelernt und die Kämpfe zu meiner vollsten Zufriedenheit optimiert. Die Kämpfe finden nach wie vor rundenbasiert statt. Anders als in I Am Setsuna jedoch kann man die Charaktere nun frei positionieren. Wenn man eine Aktion auswählt, kann man selber bestimmen wie und aus welchem Winkel der Charakter den Gegner angreifen soll. Zudem hat man dieses Mal auch eine Markierung, in welchem Umfeld der Angriff oder die Technik erfolgt. Dieses Element wird im Laufe des Spiels immer wichtiger, denn ohne richtige Positionierung kann ein Kampf ein jähes Ende finden.

Auch Spiritnite finden ihre Rolle in diesem Titel. Sie sind Steine, die die Fähigkeiten unserer Heldentruppe enthalten. Wenn wir genug Materialien haben, können wir welche herstellen. Diese können wir dann unterstützend mit bis zu zehn Aufwertungen koppeln. Das funktioniert über ein Meister-System. Zu jeder Fähigkeit lässt sich ein entsprechender Setsuna-Stein mit Bonuseffekt ausrüsten. Nach einer bestimmten Anzahl von Anwendungen koppelt der Bonuseffekt an das Fähigkeiten-Spiritnit. Danach kann man sich aussuchen, ob man den Effekt ein weiteres Mal koppelt und somit den bereits erlernten Bonuseffekt stärkt oder ob man etwas komplett Neues ausrüstet. Das ist sehr gut gelöst und bietet auch einen gewissen, wenn auch sehr geringen, strategischen Aspekt.
Die letzte Komponente im Kampf nennt sich Vulcosuits. Diese sind antike Rüstungen, die die Charaktere im Laufe der Geschichte erhalten, welche die Statuswerte beim Anlegen erhöhen und Möglichkeiten für zusätzliche Angriffe und Fähigkeiten bieten. Für die Anwendung benötigt man allerdings statt MP sogenannte VP (Vulcopoints). Diese kann man nur mit bestimmten, sehr raren Items auffüllen, oder man nächtigt in einem Gasthaus. Dementsprechend ist es sehr wichtig, den Einsatz dieser genau zu planen. Die Anzüge sind zwar stark, aber machen einen noch lange nicht unsterblich. Die Vulcosuits, die auch eine Rolle in der Geschichte spielen, fügen sich nahtlos in das Kampfsystem ein und konnte mich überzeugen.

Die Musik ist wirklich toll. Während sich I Am Setsuna nur an Klavierstücke hielt, bietet Lost Sphear eine breite Palette an Instrumenten. Die Musik passt somit stets zum Geschehen. Jedoch ist mir während meines Spieldurchlaufes kaum ein Musikstück sonderbar aufgefallen. Es passte zwar alles atmosphärisch, aber einen Wow-Effekt gab es nicht.

Grafisch ist das Spiel atemberaubend. Ich liebe jede Art von Grafik, so lange es atmosphärisch passt. Und da kann Lost Sphear voll punkten. Die Charaktere und Ortschaften haben eine gewisse Liebe zum Detail. Ich habe mich sehr oft dabei erwischt, an bestimmten Orten länger zu verweilen, weil mir der Anblick oder das Design so gefiel.

Das Fazit

Insgesamt stellt Lost Sphear für mich genau das dar, was es sein soll: Eine Reise in die Vergangenheit. Die Geschichte ist sehr solide und bietet die eine oder andere Überraschung. Die Charaktere, die zunächst mau erscheinen, wachsen im Laufe des Spiels und besitzen Tiefsinn. Auch wenn das Spiel abseits der Hauptgeschichte nicht all zuviel zu bieten hat, kam ich auf eine Spielzeit von 60 Stunden. Wer also auf klassische japanische Rollenspiele steht und eine Reise in die Vergangenheit antreten möchte, dem sei Lost Sphear wärmstens empfohlen!

Lost Sphear erschien am 23. Januar 2018 für Playstation 4 und Nintendo Switch.

 

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